Danke LBS! Endlich ist das Wort „Spießer“ salonfähig. Ein guter Job, ein sicheres Einkommen, ein
Eigenheim? Endlich kein Grund mehr, sich zu verstecken. Stolz sein zu dürfen auf das Erreichte: „Ja,
ich bin ein Spießer!“ Dieses Lebensgefühl wird nirgends so gelebt wie in Steglitz. Hier leben
Menschen, die ihr Leben genießen, denen es gut geht, die glücklich sind. Und Steglitz steckt auch
Gäste des Bezirks gerne mit diesem Charme an, selbst wenn der Besuch nur 90 Minuten dauert.
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So oder so ähnlich
muss sich damals Odysseus gefühlt haben, als er, festgebunden an den Mast seines Schiffes, die
betörenden Klänge der Sirenen hörte. Denn schon beim ersten Betreten der Schlossstraße blinkt und
glitzert es aus allen Richtungen. Vor allem das gigantische Schlossstraßencenter lockt mit seinen
zahlreichen Angeboten, doch auch die kleinen Einzelhändler gegenüber setzen alles daran, die
Besucher zu überzeugen, dass ihre Waren unverzichtbar sind.
Je weiter der Weg durch das Kaufhausdickicht voranschreitet, desto unwiderstehlicher wird diese
Welt aus Konsum und Angeboten. Lockerten zu Beginn der Schlossstraße noch Gebäude wie das Kino
„Titania Palast“ das Stadtbild auf, so dominieren mit dem Boulevard Berlin und dem Forum Steglitz
endgültig die Kaufhäuser. Nur der Eingeweihte weiß, dass hinter dem Boulevard Berlin eine
wunderschöne Grünanlage liegt, in der gemütliches Sitzen in der Sonne eine gute Abwechslung vom
Shoppen bietet.
Längst hat sich aus der ehemaligen „Schuhstraße“, wie die Schlossstraße wegen ihrer vielen
Schuhgeschäfte genannt wurde, eine Caféstraße entwickelt. So zumindest mein Eindruck bei einem
Stück Baumkuchen in der traditionsreichen Confiserie Reichert. War das 1882 eröffnete Café lange
Zeit die einzige Möglichkeit auf der Schlossstraße, die vom Schuhkauf müden Füße zu entspannen, so
setzt es sich heute dank seiner Gemütlichkeit und der großen Auswahl an Eventtorten,
Hochzeitstorten und Schokoladenbrunnen auch gegen eine rege Konkurrenz aus Starbucks-Filialen und
kleinen Cafés mühelos durch. Ein süßer Bissen bleibt noch, dann ist es Zeit zum Weitergehen.
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Inmitten der
Schlossstraße steht plötzlich ein gigantisches, bunt angemaltes Gebäude: der Bierpinsel. Nur
Berlin kann es sich erlauben, ein leer stehendes Haus dieses Ausmaßes mitten in der Stadt stehen
zu lassen und zu einem Kunstwerk umzufunktionieren. Leider blockieren Gitter den Weg ins Innere,
doch auch von außen wird deutlich, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handelt.
Tausende Ideen für neue Verwendungsmöglichkeiten dieses riesigen Gebäudes schießen mir durch den
Kopf, doch bis zu ihrer Umsetzung bleibt der Bierpinsel wohl ein reines Kunstwerk mit Wert an
sich.
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Jenseits des
Bierpinsels zieht sich die Schlossstraße weiter in Richtung Rathaus Steglitz. Hier am U-Bahnhof
Schlossstraße sind eher kleine Fachgeschäfte wie „Spielen Werken Schenken“ präsent, doch auch ihr
verlockender Ruf verhallt nicht ungehört.
Am Ende der Schlossstraße türmen sich dann plötzlich zahllose Sehenswürdigkeiten. Das Rathaus
Steglitz steht im Wettstreit mit dem Kaufhaus „Das Schloss“, das mit seinen vielen Fachgeschäften
jeden Kaufwunsch erfüllt, und der Steglitzer Kreisel ragt mit seinen unzähligen Bürogebäuden als
riesiger Wolkenkratzer bis in den Himmel. Ein wahrlich würdiger Abschluss dieser lebendigen und
verlockenden Straße mit ihren über 200.000m² Verkaufsfläche und ihrem unverwechselbaren Wesen,
denke ich, als ich im heutigen Dahlback-Café eine Tasse Kaffee trinke.
Schon unglaublich, wie gemütlich und persönlich es hier ist, wenn man bedenkt, dass in diesem
früheren VW-Pavillon einst herrenlose Fahrzeuge auf einen Käufer warteten.
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Sobald „Das Schloss“
passiert ist, werden die Klänge des Konsums merklich leiser. Die Stimmung verändert sich, wird
ruhiger, gesetzter. Nur noch ein paar Schritte, schon ist das Schlossparktheater erreicht. Aus den
Räumen dringt ein herzliches Lachen, das aber einigen im Halse stecken zu bleiben scheint, weil
sie sich selbst im Personal auf der Bühne wiedererkennen.
Auf der Straße „Unter den Eichen“ riecht es plötzlich frisch nach Blumen unterschiedlicher Art.
Ganz offensichtlich blüht das Leben im größten Botanischen Garten Deutschlands. Bei einem
Spaziergang durch den Garten tun mir die Ruhe und Farbenvielfalt gut und ich lächle über die
vielen emsigen Studenten, die für die nahegelegene Freie Universität Berlin hier ihren
biologischen Studien nachgehen.
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Mehr Natur, mehr
Erholung, mehr Erlebnis! Also schnell in den Bus gesprungen und die paar Stationen zum Stadtpark
Steglitz zurückgelegt. Wunderschöne Seen, riesige Wiesen und zahlreiche Spielplätze, Fußball- und
Basketballfelder machen den Charme dieses Parks aus. Menschen spielen Mölkky oder Minigolf, joggen
oder suchen Erfrischung im herrlich spritzenden Springbrunnen. Echte Tiere lassen sich zwar kaum
blicken, doch die Seehundfiguren und die steinerne Heuschrecke am Springbrunnen sorgen für einen
guten Ausgleich.
Den Abschluss meiner Reise bildet ein Besuch im „Gruezi Biergarten“. Umgeben von
schattenspendenden Bäumen schmecken die Schweizer Spezialitäten und ein erfrischendes Bier
besonders gut. Und wenn hier am Wochenende Fußball übertragen wird, herrscht immer eine riesige
Stimmung. Wenn irgendwo die Steglitzer Lebensfreude greifbar wird, dann hier.
Bildnachweise
- 1. Slider (Forum Steglitz): János Balázs, CC BY-SA 2.0
- Schloss-Straßen-Center: Muns, CC BY-SA 3.0
- Bierpinsel: makotokam, CC BY 2.0
- Rathaus Steglitz: János Balázs, CC BY-SA 2.0
- Botanischer Garten (3. Slider und im Text): Sebastian Rittau, CC BY 2.0
- Stadtpark Steglitz (4. Slider und im Text): Assenmacher, CC BY-SA 3.0