Der vergessene Dürer

Hängt in der Sebalduskirche ein unerkanntes Meisterwerk?

  • Dürer St. Sebald

In St. Sebald, gegenüber dem Tucher-Epitaph, ist die Gedächtnistafel der Familie Kreß zu finden. 2011 entdeckte die Historikerin Daniela Crescenzio die frappierende Ähnlichkeit mit einem lange verschollenen Dürer-Werk. Haben wir es mit einem bisher unbekannten Werk des großen Meisters zu tun?

Das Metropolitan Museum of Art in New York beherbergt ein unvollendetes Werk von Albrecht Dürer. Das wohl 1505 begonnene, aber nie vollendete „Salvator Mundi“ aus der Sammlung von Michael Friedsam (grüner Hintergrund). Die Tafel in der Sebalduskirche (blauer Hintergrund) ist hingegen vollständig ausgestaltet.

Kopie oder Original?

Der segnende Christus ist ein beliebtes Motiv, doch die augenscheinliche Übereinstimmung beider Werke wirft Fragen auf. Seit der Entdeckung wird das Bild in der Sebalduskirche als Kopie oder Werk eines Dürer-Schülers abgetan. Das Original war über Jahrhunderte verschollen und verstaubte zur angeblichen Entstehungszeit der Gedächtnistafel von St. Sebaldus, wahrscheinlich unbeachtet, in einer Ecke. Es wäre allerdings auch keine Seltenheit, wenn ein älteres Kunstwerk in ein neueres integriert worden wäre. Aus dieser Sicht hat die Datierung der Kreß-Gedächnistafel wenig Aussagekraft.

Das unvollendete Werk

Der Weg des unvollendeten Dürer-Bildes lässt sich relativ gut nachvollziehen: Aus dem Nachlass des Meisters gelangte es in den Besitz seines Bruders Endres, dessen Witwe es an die Familie Imhof veräußerte. 1588 boten die Imhofs das Gemälde Kaiser Rudolph II. zum Kauf an, der jedoch kein Interesse zeigte. Dafür erbte die Familie Haller das Werk. In deren Händen verblieb es, bis es auf dem Dachboden des Haller-Anwesens im Jahr 1861 entdeckt und als Dachbodenfund für kleines Geld an einen Münchner Kunsthändler ging. Ein Jahr später war in den Zeitungen von zwei neuen Dürern zu lesen, von denen einer „Salvator Mundi“ war. Nach mehreren Verkäufen gelangte es 1921 an die Friedsman Collection in New York.

Egal, ob eine noch ausstehende wissenschaftliche Untersuchung ergibt, dass es sich bei dem Werk in der Sebalduskirche um ein Dürer-Original oder das Werk eines anderen Meisters handelt. Die Qualität ist so bestechend und die Geschichte so spannend, dass man es einfach gesehen haben muss.

Bildquellen: Kress-Gedächnistafel: Matthias Süß, Salvator Mundi von Albrecht Dürer (32.100.64): In Heilbrunn Timeline of Art History . The Metropolitan Museum of Art, 2000–. (https://www.metmuseum.org/toah/works-of-art/32.100.64), New York, Oktober 2006

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