Barocke Idealstadt für Glaubensflüchtlinge

Stadtführung durch Erlangen Teil 1

  • Schloss Erlangen

Thilo Castner, ausgewiesener Kenner Frankens und als solcher Mitverfasser mehrerer Bücher, nimmt Sie mit zu einem Spaziergang durch die Erlangener Innenstadt. Lernen Sie die Stadt kennen, die Erlanger besser verstehen. Teil 1 der Stadtführung nimmt den Bahnhof als Ausgangpunkt und endet, wie könnte es anderes sein, beim zentralen Punkt der Innenstadt, dem Markgrafenschloß:

Der Großstadt-Verführer Franken


DER GROSSSTADT-VERFÜHRER FRANKEN
12 fundiert recherchierte Touren mit Wissenswertem zu Stadtgeschichte und Sehenswürdigkeiten, 208 Seiten
ARSVIVENDI Verlag, 13,90 Euro
ISBN-10: 3869132027

Start unserer Tour ist der Erlanger Bahnhof – die Autofahrer kommen vom Großparkplatz über die Unterführung ebenfalls zum Bahnhofsausgang. Von dort aus biegen wir nach der Überquerung des Bahnhofplatzes rechts in die Calvinstraße ein. Eine Gedenktafel an dem Haus mit der Nummer 5 verweist darauf, dass hier einmal Goethe im damaligen Gasthof Walfisch genächtigt hat. Schon ist der Hugenottenplatz erreicht, und wir befinden uns vor der Hugenottenkirche, dem ältesten und besterhaltenen Bauwerk aus der Entstehungszeit der Erlanger Neustadt.

Zentrum der barocken Idealstadt – die Hugenottenkirche

Als Markgraf Christian Ernst die aus Frankreich vertriebenen Anhänger des Schweizer Reformators Johannes Calvin nach Erlangen holte – die ersten kamen 1686 –, musste für die Glaubensflüchtlinge schnellstens Wohnraum geschaffen werden. Der markgräfliche Baumeister Johann Moritz Richter entwarf daraufhin eine barocke Idealstadt auf der Fläche von 324 mal 421 Metern. Von einer langen Mittelachse mit zwei Plätzen gingen rechtwinklig beiderseits Nebenstraßen ab, wobei Größe und Lage der Baugrundstücke feststanden und auch die Gestaltung der Fenster und Türen sowie die Höhe der Häuser normiert waren. Wir werden auf unserem Rundgang die Besonderheiten dieser barocken Planstadt detailliert kennenlernen, denn von der Bausubstanz aus der Gründungszeit ist Etliches erhalten.

Die Umsetzung des Generalplans begann 1686 mit dem Bau der Hugenottenkirche, die mit 30.000 Gulden aus der markgräflichen Schatulle finanziert worden war. Eingeweiht wurde der „Temple“ 1693, und 30 Jahre später war auch das Kapital zum Bau des Kirchturms vorhanden. 1698 lebten rund 1.000 Hugenotten in Erlangen, vier Mal so viel wie Deutsche. Anfängliche gegenseitige Aversionen konnten relativ zügig beigelegt werden, denn die französischen Protestanten erwiesen sich als fromme und fleißige Handwerker, als perfekte Hut- und Handschuhmacher, Weißgerber und Strumpfwickler. So wurde Erlangen dank der Hugenotten im 18. Jahrhundert zu einer Stadt der Manufakturen mit Produkten, die landesweit äußerst begehrt waren.

Grande Place und Schlossgarten

Wir verlassen den Hugenottenplatz und kommen auf der Hauptstraße zum Zentrum der historischen Neustadt, dem Grande Place, aufgeteilt in den Markt- und Schlossplatz. Hier lohnt es sich, ein wenig zu verweilen. Gleich links auf dem Marktplatz das repräsentative dreigeschossige Palais Stutterheim, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts von dem Amtshauptmann Stutterheim errichtet. Eine Zeit lang lebte die Erlanger Markgräfin Sophie Caroline in den von italienischen Fachleuten gestalteten Gemächern. Bis 1971 war dann das Gebäude Sitz des Erlanger Rathauses und beherbergt jetzt die Stadtbücherei, die Städtische Galerie und den Kunstverein. In der Mitte des Marktplatzes steht der prächtige Paulibrunnen, 1889 gestiftet von einem wohlhabenden Kaufmannsehepaar. Die zwei sitzenden Bronzefiguren stehen symbolisch für den Gewerbefleiß der Stadt und für die Erlanger Universität.

Dominiert wird der Schlossplatz von der wuchtigen Schlossfassade. Markgraf Georg Wilhelm, der Sohn von Christian Ernst, gab den Schlossbau 1700 in Auftrag, vier Jahre später war die Residenz fertig und diente dann primär als Witwensitz, so ab 1764 für die schon erwähnte Markgräfin Sophie Caroline und ihren Hofstaat. Die von Markgraf Friedrich 1742 für Bayreuth gestiftete Universität wurde ein Jahr später nach Erlangen verlegt. Anlässlich der Hundertjahrfeier 1843 hat man dem Gründer der Universität ein Standbild inmitten des Schlossplatzes gewidmet. Nach einem verheerenden Schlossbrand 1814 und der Wiederinstandsetzung 1825 übertrug die bayerische Regierung das Schlossgebäude an die Erlanger Universität mit derzeit über 25.000 Studenten und 265 Lehrstühlen an den insgesamt fünf Fakultäten.

Wir verlassen den Schlossplatz, gehen rechts am Schloss vorbei in den Schlosspark und steuern nun zielstrebig auf den monumentalen Hugenottenbrunnen zu, ein Werk des Bayreuther Hofbildhauers Elias Räntz und ein Geschenk der Markgräfin an ihren Mann. So steht denn auch Christian Ernst stolz auf der Spitze des Brunnens, ganz unten seine gehorsamen Untertanen, unentwegt damit beschäftigt, das sprudelnde Wasser aufzufangen. Das Prunkstück des Schlossgartens aber ist mit Sicherheit die erst vor Kurzem renovierte Orangerie, ein wahres Barockjuwel und ideale Kulisse für die jährlich stattfindenden Schlossfeste und Konzerte. Der Garten inspiriert zu einem kleinen Rundgang, beispielsweise zu der ebenfalls von Räntz geschaffenen Reiterstatue des Markgrafen und zu dem 1904 entstandenen Rückert-Brunnen – der Dichter, eng befreundet mit Graf von Platen, war 1826 als Professor für orientalische Sprachen nach Erlangen berufen worden.


Auszug aus dem Großstadt-Verführer Franken, S.125ff.

Bildrechte Schloß Erlangen: Matthias Süß

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