Moderne Kunst erlaufen

Unterwegs auf dem Bamberger Skulpturenweg

  • Bamberger Skulpturenweg

Die Einrichtung des Internationalen Künstlerhauses brachte Bamberg eine zusätzliche Attraktion. Denn der erste Direktor, Prof. Dr. Bernd Goldmann, engagierte sich nicht nur für seine Stipendiatinnen und Stipendiaten, zu denen beispielsweise auch schon die spätere Literaturnobelpreisträgerin Hertha Müller zählte, sondern bereits 1998 sorgte er für die erste Ausstellung mit Großplastiken in der Domstadt.

Fernando Botero

Der Großstadt-Verführer Franken


55 X VERFÜHRT BAMBERG
Bekanntes und weniger Bekanntes in der Weltkulturerbestadt für Gäste wie für echte Bamberger, 247 Seiten
ARSVIVENDI Verlag, 14,90 Euro
ISBN-13: 978-3869132037

15 pralle Leiber des spanischen Künstlers Fernando Botero standen plötzlich überall in Bamberg herum. So sahen es zumindest die Bürger, die sich mit den Kolossen erst mal anfreunden mussten. Am Ende hatten sie die Monstren sogar so sehr ins Herz geschlossen, dass eine bleiben durfte, die »Liegende mit Frucht«, heute am Heumarkt.

Joannis Avramidis

Mit Joannis Avramidis stand im nächsten Jahr bereits die Folgeausstellung auf dem Programm. Dessen abstrakte Figuren passten erstaunlicherweise besser in die Bamberger Seele – oder man hatte sich mittlerweile an die moderne Kunst gewöhnt. Öffentlicher Protest blieb völlig aus, seine »Große Figur 1982« steht seitdem am Pfahlplätzchen. Damit war der »Bamberger Skulpturenweg« geboren, auf dessen Stationen wir Sie nun begleiten.

Igor Mitoraj

Für das neue Jahrtausend hatte sich Goldmann wieder wesentlich spektakulärere Werke ausgesucht. Der polnische Künstler Igor Mitoraj stellte seine monumentalen Köpfe, Torsi und Figuren in der Domstadt aus. Die der antiken Mythologie entlehnten Plastiken wiesen gezielte Beschädigungen auf und wirkten so, als hätte jemand den Inhalt einer überdimensionalen Schale mit den Resten griechischen Tempelschmucks über der Stadt ausgekippt. Wiederum waren die Bamberger begeistert und kauften – erneut in Eigeninitiative – den »Centurione I«, der nun an der Unteren Brücke auf der Seite des Kranen steht und besonders nachts einen eindrucksvollen Kontrast zur dahinterliegenden Ansicht von Dom und Michelsberg gibt.

Erwin Wortelkamp

Wesentlich weniger Aufsehen erregten 2002 die Skulpturen von Erwin Wortelkamp. Der deutsche Bildhauer und Maler stellte an die 40 Holz- und Bronzeskulpturen in der Stadt auf, wobei die Grenze zwischen Holz und Bronze nicht einfach zu erkennen war. So ist es auch bei seinem Werk »Ohne Titel«, das vor der Bamberger Konzerthalle liegt. Für viele Bamberger wirkt es wie ein Baumstamm, bei dem man allerdings schon beim ersten Klopfen merkt, dass er aus Metall gegossen ist.

Bernhard Luginbühl

Der nächste Künstler in der Reihe war 2004 der Schweizer Schrott-Künstler Bernhard Luginbühl, der mit 15 Werken nach Bamberg kam und ebenfalls in der Nähe der Konzerthalle seine »Ankerfigur 2002« zurückließ.

Markus Lüpertz

So richtig hoch kochten die Wogen in der Weltkulturerbestadt im Jahr 2006, als mit Markus Lüpertz ein Neoexpressionist in Bamberg ausstellte, dessen Werke und Person stark polarisieren. Ein erster negativer Höhepunkt war, dass Unbekannte am 14. Juni 2006 eines seiner zwölf Werke, den »Kopf Chillada«, von seinem Sockel stießen und irreparabel zerstörten. Dies spornte die unter Generalverdacht geratenen Bamberger wiederum zum Geldsammeln an, und 2009 konnte Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder am 4. Mai den »Apoll« an der Elisabethenkirche enthüllen. Auch diese Figur zog schnell Kritik auf sich, doch Lüpertz’ mahnende Worte bei der Enthüllung haben bis heute Bestand: »Man kann sich an der Skulptur reiben oder sie abscheulich finden. Aber bitte lassen Sie die Finger davon!« Es gibt allerdings eine Ausnahme: Zur Sandkerwa machen sich die Standbetreiber immer einen Spaß daraus, den Apoll mit Kochschürze oder einen schicken Hütchen zu verzieren.

Jaume Plensa

Der vorerst letzte Streich des mittlerweile emeritierten Goldmann war die Ausstellung der »Eight Poets« von Jaume Plensa. Der Spanier verzierte Bamberg im Landesgartenschaujahr 2012 mit acht Poeten, die auf hohen Säulen stehend vor allem nachts ein eindrucksvolles Spektakel boten. Wechselnde Lichtstimmungen ließen die sitzenden Riesenmänner in allen Regenbogenfarben leuchten. Auch von ihnen ist einer geblieben. Er steht vor dem Eckerts im Mühlenviertel. Aber auch aktuell sammeln die Bamberger Bürger wieder Geld, um ihren Skulpturenweg um ein Werk des chinesischen Künstlers Wang Shuang erweitern zu können.

Jin Mo Kang

Doch es gibt noch weitere moderne Kunstwerke in der Stadt, die Sie bei einem Rundgang nicht verpassen sollten. 2011 stiftete der Bund Naturschutz zum 25. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe eine auf dem Rücken liegende Schildkröte des Südkoreaners Jin Mo Kang. Auf dem Bauchpanzer des Tieres symbolisiert eine Weltkarte die Hilflosigkeit der Menschheit gegen die Auswirkungen der Strahlung. Die Enthüllung nur sechs Wochen nach der Katastrophe von Fukushima zeigte die besondere Brisanz und Tragweite der Beschäftigung mit dem Ausstieg aus der Atomenergie, militärisch wie zivil.

Kazuo Katase

Des Weiteren sollten Sie auch die »Wandlung« des japanischen Künstlers Kazuo Katase besuchen. In einem Projekt der Villa Concordia zur 1.000-Jahr-Feier des Bistums Bamberg schuf er einen Trockenbrunnen aus Beton mit einer Granitschale und eingelassenen Rebstöcken, der am Michelsberger Weinberg steht.

Mischa Kubal

Zum selben Anlass gestaltete der Lichtkünstler Mischa Kuball seine Installation »Tood – Taboo – Trance«, die im Diözesanmuseum auf dem Domberg zu sehen ist. Dabei werden die drei Worte in unterschiedlichen Farben auf sich drehende Kugeln projiziert und spiegeln sich im gesamten Raum – faszinierend!


Auszug aus 55 x verführt Bamberg, S.112-115

Bildrechte Centurione: Qaswed/CC BY-SA 3.0

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